Kulturschock USA, die Westküsten-Mentalität
24. Oktober 2019
Ein verlängertes Wochenende zur Weihnachtszeit in Budapest
22. November 2019

Warum eine Ausbildung in der Hotellerie so wertvoll ist, jedoch wohl überlegt sein sollte.

Schon während meiner Ausbildung fiel es mir schwer zu begründen, warum ich mich für eine Ausbildung zum Hotelkaufmann entschieden hatte? Diese Frage wurde mit den Jahren und selbst mit steigender Erfahrung und Verantwortung leider nicht leichter zu beantworten. Unsere Branche wird so ziemlich mit allem in Verbindung gebracht, was ein Ausschlusskriterium bei der Wahl für ein Berufsfeld ist: Schlechte Bezahlung, lange Arbeitszeiten, arbeiten wenn andere frei haben, keine geregelten Arbeitszeiten, wechselnde Dienstpläne, geringe gesellschaftliche Anerkennung, usw.. All diese Dinge sind nicht von der Hand zu weisen, allerdings gibt es auch noch eine andere Seite der Medaille, denn die Hotellerie bietet unglaublich viele Möglichkeiten, denen man sich gerade, wenn man sich in der Entscheidungsphase für eine Ausbildung befindet, noch gar nicht bewusst ist. Warum also ist eine Ausbildung in der Hotellerie so wertvoll?

So viel mehr als nur die Ausbildungsverordnung

Hat man begriffen, dass einem im Leben nichts einfach so in den Schoss fällt, dass nur man selbst für seinen Erfolg verantwortlich ist und harte Arbeit honoriert- sowie sich Respekt verdient wird, so bietet die Hotellerie heutzutage nicht nur branchenintern immense Aufstiegschancen, sondern öffnet selbst außerhalb Türen zu verschiedensten Industrien und Bereichen. Aus der Hotelbranche stammend, ist man in vielen anderen Berufen ein gern gesehener Quereinsteiger. Eine Ausbildung im Hotel ist unglaublich vielseitig, was allein durch die Tatsache der verschiedenen Ausbildungsberufe, die in den Hotels angeboten werden zu belegen ist. Sie kann aber noch so viel mehr sein, als in der Ausbildungsverordnung geschrieben steht. Auch wenn man sich logischerweise für einen Beruf entscheidet, so bekommt man aufgrund der Versetzungspläne Einblicke in fast alle Abteilungen eines Hotels und lernt buchstäblich für sein Leben. Sei es die einfachsten günstigen Gerichte für zuhause während des Küchenpraktikums (oder eben in der Kochausbildung), Tipps für die Wäsche oder zum Putzen aus dem Housekeeping, lifehacks und um die Ecke denken für alle möglichen Situationen in der Veranstaltungs- und Catering-Operation, wie wichtig es ist auch im Privaten Ordnung und Überblick in und über seinen Papierkram zu haben aus den administrativen Bereichen, kleinere Heimwerker-Manöver gibt es von der Haustechnik erklärt und noch vieles mehr aus anderen Abteilungen. Man muss nur wollen, zuhören, mitdenken und das Gelernte nutzen. Wer gibt, der bekommt auch immer etwas zurück.

Quereinsteiger und Lebenskünstler

Die vermittelten „Hard Skills“ sind natürlich interessant und essenziell für die Karriere, was die Ausbildung aber noch um einiges interessanter macht, sind die vermittelten Softskills. Von diversen Exkollegen hörte ich später, dass bei ihren Bewerbungsgesprächen zum Wechsel in eine andere Branche immer wieder der Satz viel: „Die Hard Skills können wir ihnen ohne Probleme beibringen, die Softskills die sie aus ihrer Hotelzeit mitbringen, machen sie so interessant für uns. …“. So wird man mit der Zeit immer belastbarer, stressresistenter und gelassener. Die Fähigkeit, sich selbst zu organisieren, sowohl lösungsorganisiert, als auch strukturiert zu handeln, wird von Beginn an geschult und stetig verfeinert. Außerdem müssen Aufgaben immer wieder bewertet und nach ihrer Wichtigkeit priorisiert werden, um dann in einer angemessenen Zeit und in bestmöglicher Qualität erledigt zu werden. Der Blick fürs Detail und das Gespür dafür vorausschauend zu agieren, also Herausforderungen zu erkennen bevor sie entstehen, wird Stück für Stück geschärft und zum täglichen Begleiter in allen Lebenslagen. Die Ausprägung und Weiterentwicklung all dieser Softskills während der Ausbildung, machen es denke ich bereits jetzt verständlich warum Gastronomen und Hoteliers so gern gesehene Quereinsteiger und Lebenskünstler sind. Der wichtigste Softskill, und in meinen Augen das Beste an dem ganzen Berufsfeld fehlt allerdings noch. Das Arbeiten mit dem Gast also mit dem Menschen selbst.

Menschen verstehen und Komfortzonen schaffen

Der korrekte Umgang mit seinen Mitmenschen, emphatisch sein zu können, Charaktertypen und Bedürfnisse zu erkennen als auch Mimik, Gestik und Körpersprache zu versehen sind unerlässliche Fähigkeiten um beruflich erfolgreich zu sein, und außerdem wahnsinnig hilfreich im Alltag. Sicherlich wird es in allen Dienstleistungsbereichen mit Kundenkontakt geschult, selten jedoch so stetig wie in einem Hotel. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich in den letzten Jahren irgendwo mehr über den Umgang mit den verschiedensten Menschen und Persönlichkeiten gelernt hätte als in meinem Job. Hierbei rede ich von den obligatorischen Schulungen zur Handhabung der verschiedenen Gästetypen, genauso wie die täglichen, praktisch selbst erlebten Situationen mit den unterschiedlichsten Kultur- und Religionskreisen. Die Hospitality ist ein Schmelztiegel, in dem Menschen aus der ganzen Welt, mit den verschiedensten Intentionen aufeinandertreffen. Jeder einzelne Gast sollte als Individuum behandelt werden. Es muss sich immer wieder neu auf jemanden eingestellt werden. Auf diese Weise lernt man mehr oder weniger unterschwellig, Menschen zu lesen und ihre Bedürfnisse zu erkennen. Die Persönlichkeiten werden gedeutet und deren Triggerpunkte genutzt, um seine eigenen Fähigkeiten so einzusetzen, dass sie das  nicht nur zufriedenstellen, sondern beeindrucken. Das ist die hohe Kunst der Hospitality. Dem Gast geht es fast immer darum auszubrechen und Dinge zu erleben, darum gehen die Menschen aus. Das ist unsere Aufgabe und das ist es, was in der Ausbildung ebenfalls vermittelt wird. Die Fähigkeit, individuelle Erlebnisse und Erinnerungen zu schaffen, die den Menschen im Gedächtnis bleiben und sie glücklich machen. Eine Ausbildung in der Hotellerie ist ein einfacher Weg, genau dies zu tun, wir können Komfortzonen schaffen und personenspezifische Wohlfühlmomente erzeugen. Ich denke, die Schlussfolgerung, dass diese Fähigkeiten weiterhin unglaublich nützlich im Privatleben sind und außerdem in jeglichen Berufsfeldern angewandt werden können, ist absolut naheliegend und logisch.

Die Hotellerie lernt von sich selbst

Nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung, einigen Jahren Erfahrung als Mitarbeiter im F&B Bereich sowie im Management habe ich natürlich auch, die eingangs erwähnten Schattenseiten, der Hotelbranche erlebt. Allerdings kann ich, nach „nur“ 10 Jahren bereits sagen, die Branche befindet sich im Wandel. Die Probleme Nachwuchs zu finden und Ausbildungsplätze zu besetzen sind nicht von der Hand zu weisen, die Unternehmen sehen das natürlich auch und reagieren. Schaut man sich heute nur einmal die Stellenausschreibungen an, so sind z. B. nicht nur die Ausbildungsgehälter gestiegen, es wird übertariflicher Urlaubsanspruch geboten, Individualisten sind gewünscht sowie Tattoos und Piercings sind OK, vieles hat sich geändert in den vergangenen Jahren. Für mich zählen z. B. vergünstigte Übernachtungen in Partnerhotels und Rabatte durch Kooperationen mit z. B. Fitnessstudios, Massagetherapeuten oder verschiedenen Lieferanten zu den besten Benefits. Außerdem möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass der Umgang mit den Mitarbeitern wesentlich kooperativer ist als noch vor einigen Jahren. Der Generationenwechsel findet auch in den Hotels statt. Ich persönlich habe noch eine sehr autoritäre Ausbildung und später auch Führung mit einer klaren Hierarchie genossen. Allerdings ist es mittlerweile selbst bei den Hotels angekommen, dass diese Art Auszubildende und Mitarbeiter zu behandeln, überholt ist und selten zum Erfolg führt. Das Philosophieren über Generation und Führungsstil geht hier zu weit, kurz zusammengefasst, der allgemein geschulte und aus meiner Erfahrung auch am häufigsten genutzte Führungsstil bei jungen aufstrebenden Führungskräften in der Hotellerie ist der Kooperative-, oder dann später auch Situative-Führungsstil, einfach mal „Googlen“. Wobei auch hier nicht vergessen werden darf, dass am Ende immer das Wohlbefinden des Gastes steht und es daher ab und zu auch klare und unmissverständliche Ansagen braucht, um dies sicherzustellen.

Für und Wider

Eine Ausbildung in der Hotellerie ist kein Zuckerschlecken und weit davon entfernt am Wochenende neben der Schule irgendwo zu kellnern um sich etwas dazu zuverdienen. Der Faktor Gast ist immer eine unberechenbare Größe, die unseren Job zwar unglaublich schön und interessant macht, aber eben manchmal auch extrem lang und kompliziert. Die Arbeitszeiten an der Front, also mit dem Gast werden oft dann sein, wenn der Normalbürger frei hat, das ist eben die Branche. Allerdings gibt es dadurch auch keine „täglich grüßt das Murmeltier Dienstpläne“ von montags bis freitags 9:00 bis 17:00 Uhr (es sei denn man ist in der Administrativen), was ich persönlich sehr angenehm fand. Die Bezahlung ist leider immer noch nicht an dem Punkt, an dem sie eigentlich sein müsste. Wer reich werden möchte, ist hier falsch, aber mit Biss und Ehrgeiz kann man es auch in der Hotellerie zu Verdiensten bringen, von denen man gut oder sogar sehr gut leben kann. Immerhin gibt es die verschiedensten Bereiche, in denen man seine Talente entdecken und entwickeln kann. Es gibt also für so ziemlich jeden einen Weg zum Erfolg und dem persönlichen Ziel, man muss ihn nur verfolgen. Hotels sind immer daran interessiert, Talente zu fördern und in den eigenen Reihen zu halten. Wer gibt, und dabei rede ich von Eifer, Einsatz, Interesse und Disziplin, der bekommt auch etwas zurück und das ist die Grundlage für eine Karriere und Unterstützung beim Erreichen eben dieser persönlichen Ziele. Die Hotellerie- und Gastronomiebranche ist ein weltweites Netzwerk, einmal in der Hotellerie findet man nirgendwo einfacher, immer und überall auf der ganzen Welt einen Job. Gerade die deutsche, österreichische und schweizerische Hotel- und Gastronomie-Ausbildung ist weltweit unglaublich hoch angesehen. Wer die Welt sehen und verschiedenste Kulturen kennenlernen möchte, ist hier genau richtig.

Fazit

In der Hotellerie zu arbeiten, ist eine Ausbildung für das Leben, jeder kann erfolgreich sein, solange er etwas dafür tut. Der Weg zum großen finanziellen Erfolg ist sicher nicht der Einfachste, aber auf ihm gibt es immer wieder die Möglichkeit Menschen auf verschiedenste Weisen glücklich zu machen und aufrichtige Dankbarkeit und Anerkennung zu erhalten. Mit den Jahren und verschiedenen Arbeitsplätzen stellt sich heraus, dass dies mindestens genauso wichtig ist wie das Gehalt. Diese Art der Motivation ist einfach unbezahlbar. Eine Ausbildung in der Hotellerie ist für mich so wertvoll, weil sie unglaublich bunt ist und auf so vieles mehr vorbereitet als nur die Abschlussprüfung. Sie bildet Charakter und öffnet Türen zum Erkunden der Welt. Die Hotellerie und Gastronomie wird niemals aussterben, sondern immer mit im Wandel der Zeit und Gesellschaft sein. Eine Ausbildung in der Hotellerie ist der Beginn einer spannenden Reise für jeden, der gewillt ist, sich seinen Erfolg zu erarbeiten und Menschen glücklich zu machen.

1
Leave a Reply

avatar
1 Kommentar Themen
0 Themen Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
1 Kommentatoren
Severin Gollert Letzte Kommentartoren
  Abonnieren  
neueste älteste meiste Bewertungen
Benachrichtige mich bei
Severin Gollert
Gast
Severin Gollert

Prima beschrieben. Gefällt mir gut.