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Kulturschock USA, die Westküsten-Mentalität

„Kulturschock“ ist vielleicht etwas hart ausgedrückt, dennoch muss ich zugeben, dass hier in Südkalifornien einiges anders ist, als ich erwartet hatte. Zu aller erst, meine folgenden Erfahrungen beziehen sich nicht generell auf die Vereinigten Staaten von Amerika, sondern auf seine Westküste, Kalifornien und noch spezieller Santa Barbara, auch bekannt als „amerikanische Rivera“. Gelegen zwischen der San Francisco Bay Area und dem Großraum Los Angeles gehört es zu den teuersten Gegenden der USA und gilt außerdem als beliebter Urlaubsort für die Schönen und Reichen. Oprah, Jeff Bridges, Kevin Costner, Tom Cruise und Steven Spielberg sind einige bekannte Namen, die ein Anwesen in Santa Barbara County ihr Eigen nennen. All das beeinflusst natürlich nicht nur die Lebensumstände, sondern auch die Mentalität aller Menschen hier ungemein.

Freundlich, falsch und aufgesetzt

Eines der größten Klischees über Amerikaner ist, dass sie unglaublich freundlich sind, weiterhin heißt es, dass diese Freundlichkeit nur aufgesetzt und gespielt ist. Anfangs dachte ich genau das, gerade weil ich in meiner Gegend und während meines Jobs doch einige der „real american housewives“ traf. Jedoch stellte ich im Laufe der Zeit fest, dass es nicht aufgesetzt ist. Die Amerikaner sind einfach offener gegenüber Fremden und sehen das Leben etwas entspannter. Zumindest dann, wenn sie gerade Zeit haben es zu genießen. Das oft so verpönte „How are you?“ wirkt auf uns nur so „falsch und aufgesetzt“, weil wir in der Übersetzung „Wie geht es dir?“ eine Antwort erwarten und uns missverstanden fühlen, wenn es den Anderen dann nicht interessiert. Für den Amerikaner bedeutet es einfach nur „Hallo!“ oder „Guten Tag!“ genauso wie die verschiedenen Antworten, am Ende nur „Hallo!“ oder „Guten Tag!“ bedeuten. Ein kleiner Tipp, legt man es darauf an, so kann man jeder Zeit einen kleinen Small-Talk starten. Ich habe noch keinen hier erlebt, der nicht mindestens vier bis fünf Sätze mit mir wechselte, nachdem ich auf das „How are you?“ eingestiegen bin und einfach sinnlos über meinen Tag gesprochen habe.

Arbeiten, Arbeiten, Arbeiten

Sie sehen das Leben entspannter, wenn sie gerade die Zeit haben es zu genießen. Das war es, was mich am meisten erschrocken hat. Nichts vom entspannten und relaxten Surfer-Livestyle, vom Outlaw, der macht was er möchte und einfach das Leben von Tag zu Tag in vollen Zügen genießt. Der „American Way of Life“ bedeutet Kapitalismus in seiner reinsten Form. Arbeiten um leben zu können. Um jedoch leben zu können, arbeitet der Durchschnittsamerikaner extrem viel und hart. So ziemlich jeder meiner Kollegen hat einen zweiten oder sogar dritten Job, bzw. arbeitet für das Hotel als Zweitjob. Das erschreckende hierbei ist, dass der zweite und dritte Job nicht dazu da ist, um sich etwas leisten zu können, sondern um das Leben generell zu finanzieren. Die Menschen hier verdienen, verglichen zu Europa, gutes Geld. Allerdings sind die Lebenshaltungskosten so hoch, dass alles verdiente Geld sofort wieder in die Wirtschaft zurückfließt. Will der Amerikaner sparen, so spart er zuerst an seiner Freizeit und arbeitet noch mehr. Die Steuer greift hier nicht so extrem bei Zweitjobs wie in Deutschland, alles was man mehr arbeitet, arbeitet man in die eigene Tasche. All das führt dazu, dass wenn es dann mal Freizeit gibt, diese auch in vollen Zügen genossen wird. Wenn gefeiert wird, dann wird richtig gefeiert. Wenn getrunken wird, dann richtig und auch nur ein Kurztrip wird in vollen Zügen genossen. Denn dafür arbeitet man. „YOU EARN IT, YOU BURN IT“.

Geschäfte mit Amerikanern

Der Amerikaner ist freundlich und hilfsbereit, solange man keine Geschäfte mit ihm macht. Ich habe erfahren, dass es in den USA wesentlich einfacher ist, viel Geld zu verdienen, man es aber genauso schnell wieder verlieren kann. Da es so gut wie kein soziales Netz gibt, das einen auffängt, ist die Angst davor alles zu verlieren umso größer. Ich denke, das ist der Hauptgrund dafür, warum der Amerikaner, wenn es ums Geschäft geht zuerst, und eigentlich nur an sich denkt. Es gibt wenig Moral hier sobald Geld ins Spiel kommt. Es geht nur darum das Meiste und Beste für sich selbst rauszuholen, egal wie sich der andere dabei fühlt oder ob man ihn sogar über den Tisch zieht. Natürlich möchte ich nicht pauschalisieren, habe aber hierzu einen kleinen Tipp: Die besten Geschäfte habe ich mit älteren Erwachsenen gemacht, die Ihre Schäfchen bereits im Trockenen haben. Die schlechtesten mit der Art Jungspunden, die vorgeben dich zu verstehen und dir nur helfen wollen. Wenn es um Business geht, will hier jeder nur sich selbst helfen, es gibt keinen Sympathie- oder Mitleidsbonus.

Hilfsbereitschaft

Geht es nicht ums Business sind Amerikaner wirklich extrem hilfsbereit. Ich weiß nicht, ob das eine Art Arbeiten gegen das Karma ist oder einfach nur guter Wille. Ich habe hier so gut wie niemals nur „Nein“ gehört, wenn dann nur um im nächsten Moment eine Alternative vorgeschlagen zu bekommen. Hatte ich eine Frage oder Bitte so wurde mir zu 90% umgehend geholfen, egal ob ich um Unterstützung bei der Wohnungssuche bat, um eine Mitfahrgelegenheit oder um sonst irgendetwas. Selbst als ich nach einer Wohnungsbesichtigung feststellte, dass die Warm-Miete über meinem Budget lag, rief die Eigentümerin ihre Bekannten an, versuchte etwas für mich zu arrangieren und fuhr mich 45 Minuten zurück zu meinem Hotel nur, weil sie mir helfen wollte. Man muss hier nicht allein mit allem fertig werden, Kontakte zu knüpfen ist extrem einfach, danach muss man nur nach Hilfe fragen. Gegenleistungen werden grundsätzlich nicht erwartet, aber umso mehr zu schätzen gewusst.

Kontakte knüpfen

Kontakte knüpfen und Anschluss finden ist wirklich sehr einfach, denn die Leute hier sind gute Selbstdarsteller und wollen, dass man sich in ihrer Gegenwart und Umgebung wohlfühlt. Ich habe das Gefühl, das hier auch der Patriotismus eine gewisse Rolle spielt, trotz Trump sind die Menschen stolz auf ihr Land und wollen das man gerade als Europäer eine gute Zeit hat und einen positiven Eindruck bekommt. Wenn man es mit Humor nimmt, dass hier gern über sich selbst geredet wird und die Menschen einen einfach mal unterbrechen, wenn es sie offensichtlich nicht interessiert, kann man wirklich viel Spaß haben. Ja sie sind laut und verrückt, sobald aus dem Alltag ausgebrochen wird, nimmt sich hier niemand mehr ernst. Jeder hat Spaß und genießt sein Leben. Diese kleinen Inseln inmitten des stressigen Alltags und täglichem Strampeln um den Hintern an die Wand zu bekommen sind für mich typisch amerikanisch geworden. Es ist etwas, dass ich definitiv noch lernen und mit nach Hause nehmen möchte. Denn die Fähigkeit diese kleinen Inseln zu kreieren, gibt den Menschen hier die Fähigkeit jeden Morgen wieder aufzustehen und weiterzumachen. Außerdem machen sie die Menschen hier so sympathisch. Tiefgehende Freundschaften zu knüpfen dauert extrem lange, der Amerikaner lässt dich nach 10 Minuten in sein Haus oder lädt dich auf einen Drink ein. In sein Leben lässt er dich aber erst nach Jahren. Ein kleiner Tipp: Habt ihr auf diesem Weg die Chance z. B. einen amerikanischen „Independence Day“, „Thanksgiving“ oder „Superbowl“ mitzuerleben, so macht dies! Es erscheint im ersten Moment merkwürdig zu einer fremden Familie eingeladen zu werden, aber es ist gang und gäbe, denn es geht immer um das Zusammengehörigkeitsgefühl.

everything is great

Das Sprechen über Probleme ist keine Stärke der Menschen hier. Auch wenn es nicht so wirkt, bzw. der allgemeine Stand des Bildungssystems es nicht vermuten lässt, die USA ist eine Leistungsgesellschaft. Versagen gilt als Schwäche und ist keine Option. Darum werden Probleme zuhause hinter verschlossenen Türen geklärt, runtergeschluckt oder totgeschwiegen. Andersherum werden sie von Außenstehenden auch nicht angesprochen, selbst wenn sie dem Gegenüber anzusehen sind. Spricht man es aus und fragt, so hört man zu 90% das nichts ist und sich selbst darum gekümmert wird. Außerdem sollte man äußerst vorsichtig sein, wie man es anspricht. Oft wird es nicht als Hilfe, sondern als Eindringen in die Privatsphäre gewertet. In der Berufswelt kann es sogar bis hin zum „harassment“ – Belästigung oder Schikane gehen, wenn man zu intensiv nachhakt. Hilfe wird hier nur hinter verschlossenen Türen gesucht. Motivationsseminare haben Hochkonjunktur. Jeder will-, jeder muss erfolgreich sein und das ist man, wenn man Geld und keine Probleme hat. Eine amerikanische Soziologin hat mir hier einmal gesagt: „Der Amerikaner würde sein letztes Geld lieber für ein neues Paar Nike`s ausgeben, als für Essen
oder Miete. Es ist wichtiger, andern zu zeigen zu können, dass es ihm gut geht,
als seine, eigentlich essentiellen Bedürfnisse zu erfüllen“.

Bildungswesen – Schule, Leben, Arbeit

Die Unzulänglichkeit des amerikanischen Bildungssystems ist weltbekannt und selbst in den USA ein großes Thema. Ich möchte keinesfalls sagen, dass die Amerikaner dumm sind. Die Amerikaner sind ein Volk von Spezialisten. Was ich damit meine ist, dass während der Schulzeit versucht wird ihnen alles beizubringen, um jede berufliche Richtung einschlagen zu können. Hinzu kommen außerschulische Aktivitäten in z. B. Sportvereinen, so dass der Durchschnittsschüler auf einen 16-Stunden Tag kommt. Am Ende wird sich dann für ein Berufsfeld entschieden und in diesem wird Geld verdient, meist exzessiv, um leben zu können, wie ich weiter oben bereits beschrieben habe. Wenn sich weitergebildet wird, dann nur in diesem Berufsfeld, um mehr Geld verdienen zu können. So bleibt nicht viel Zeit zum Erweitern des eigenen Horizonts. Arbeitet man nicht, so verdient man kein Geld, drei Wochen Urlaub um z. B. nach Europa zu reisen, bedeutet drei Wochen ohne Einkommen. Gönnt man sich drei Tage frei, so kommt man vielleicht von LA nach Vegas, Chicago oder New York. Nicht aber von Deutschland nach Madrid, Paris, Rom, Budapest oder Prag – also in ein komplett anderes Land. Die Menschen hier leben einfach in ihrem Land, das ist oftmals ihre Welt, das macht sie nicht dumm oder ignorant, sie haben nur einen anderen Fokus im Leben. Hinzukommt, und das darf man nicht unterschätzen, die Berichterstattung der Medien in den USA. Diese ist tatsächlich exakt das, was man in Europa darüber denkt, einfach erschreckend einseitig. Ich habe hier sehr viele sehr intelligente Menschen getroffen und nicht weniger, nicht so intelligente Menschen als ich auch in Deutschland traf. Die Frage ist auch hier immer nur was bedeutet, bzw. wann ist man intelligent?

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Mein „American Way of Life“

Der „American Way of Life“ ist zum größten Teil komplett anders, als ich ihn mir vorgestellt habe. Am Ende sind die Vereinigten Staaten von Amerika ein in sich geschlossenes Land mit einer eigenen Kultur. Es gilt vielleicht der westlichen Kultur zugehörig, ist aber komplett anders als Europa. Ich denke, der Grund für den Kulturschock liegt darin, dass man denkt, es ist nicht viel anders als Europa. Die USA ist ein Teil der westlichen Welt, außerdem kennt man ja bereits so vieles aus Filmen. Dann jedoch kommt man hierher und bleibt etwas länger, und plötzlich betritt man eine komplett andere westliche Welt. Der „American Way of Life“ bedeutet für mich eine andere Einstellung zur eigenen Person und zum Gegenüber. Es ist ein intensiverer Blick auf die persönliche Freizeit, es ist eine komplett andere Beziehung zum Geld und vor allem es ist ein Hinterfragen der persönlichen Integrität und dem Einhalten von Grenzen.

Die Leute hier fragen mich oft, ob ich hier leben könnte? Ich antworte immer: Vielleicht nicht gerade in Santa Barbara, aber ja, auf das Privatleben und die Menschen bezogen, könnte ich absolut an der Pazifikküste der USA oder in den angrenzenden Südstaaten leben. Allerdings gehört dazu auch immer das amerikanische Arbeitsleben sowie Gesundheitssystem, und das könnte ich auf Dauer nicht mit mir vereinbaren.

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Severin Gollert
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Severin Gollert

Klasse geschrieben!!